Wir sind alle Schauspieler

Der Drehbuchberater John Truby schreibt in seinem Buch „The Anatomy of Story“, was eine gute Geschichte ausmacht und wie sie durch ihre Charaktere geformt wird:Sehnsüchte und Wünsche sind das Herz einer guten Geschichte. Truby drückt es so aus: Die Welt der Geschichte lässt sich nicht auf „Ich denke, daher bin ich“ herunterbrechen, sondern zu „Ich möchte, daher bin ich.“ Sehnsüchte in all ihren Facetten regieren die Welt. Das ist es, was allen bewussten Lebewesen eine Richtung gibt. Eine Geschichte versucht nachzuvollziehen, was eine Person möchte, was sie bereit ist zu tun, um es zu erhalten, und welchen Preis sie dafür zahlen muss.¹

Aus dem Zitat von Truby lässt sich nicht nur das Geheimnis einer guten Geschichte ergründen, sondern auch das Geheimnis von Glaube und Identität. Meine Sehnsüchte geben meinem Leben Richtung. Die Geschichte, die ich mir über mich erzähle, über die Welt, in der ich lebe, und besonders, wofür ich lebe, formt, wer ich bin und wer ich werde. Das heißt: Meine Identität ist davon bestimmt, welche Geschichte ich über die Welt glaube. Menschen können nicht ohne Glauben leben, weil sie nicht ohne eine Geschichte leben können.

Das Problem: Unsere Kultur sagt: Sei authentisch und bestimme selbst, wer du wirst. Schreibe deine eigene Geschichte. Und wir alle werden zu den Hauptcharakteren unseres eigenen Lebens. Das Resultat ist bei manchen das Main-Character-Syndrome und Social-Media-Narzissmus. Bei anderen führt es zu Angst, Depression und Verzweiflung. Sie erkennen, dass sie vieles in dieser Geschichte nicht in der Hand haben und nicht wissen können, ob ihre Geschichte wirklich gut ausgeht. Aus diesem Grund wenden sich viele Menschen wieder Religionen zu. Die meisten Religionen geben Menschen eine Geschichte in die Hand, wie sie sich selbst aus dem Schlamassel ziehen können. Befolge diese Regeln, und deine Geschichte geht doch gut aus.

Der christliche Glaube bietet einen besseren Weg, um eine neue Identität zu finden. Auch er gibt uns eine große Geschichte über den Gott der Geschichte, der diese Welt geschaffen hat und auf ein herrliches Ende führt. Er sagt uns, woher wir kommen, wozu wir leben und wohin wir gehen. Aber das Größte: Er befreit uns davon, Hauptdarsteller unserer eigenen Geschichte sein zu müssen. Stattdessen nimmt Gott selbst unser Schicksal in die Hand. In Jesus Christus tritt er in diese Welt. Gott, der Regisseur der Welt, wird damit auch zu ihrem Hauptdarsteller. Er rettet die Geschichte – und uns. Wer die christliche Geschichte glaubt, dem legt Gott neue Sehnsüchte ins Herz: Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben […] Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. (Hesekiel 36, 26-27)

Damit verändert Gott, wer wir werden. Wir werden neu geboren. Und das alles ist ein Geschenk von Gott. Ein Geschenk, zu dem wir eingeladen sind. Eine Einladung, in seiner Geschichte, mit Jesus als Hauptdarsteller, mitzuspielen: „Komm, folge mir nach!“ Eine Geschichte, in der Gott alle Dinge zum Guten wenden wird. Eine Geschichte, die gute Gründe hat, dass wir sie glauben: Weil Gott in der Auferstehung historisch erwiesen hat, dass er und seine Geschichte glaubwürdig sind!

¹ (Truby 2008, 7) Original: The “story world” doesn’t boil down to “I think, therefore I am” but rather “I want, therefore I am.” Desire in all of its faces is what makes the world go around. It is what propels all conscious, living things and gives them direction. A story tracks what a person wants, what he’ll do to get it, and what costs he’ll have to pay along the way.

Gernot Zeilinger, Leiter von Profundum