Als Leiter von Campus für Christus Österreich wurde ich in den letzten Monaten und Jahren immer wieder gefragt, wie wir als Bewegung und auch ich persönlich mit der progressiven bzw. post-evangelikalen theologischen Richtung umgehen. Gerne möchte ich dazu einige Gedanken teilen.
Vor 20 Jahren las ich das Buch „Velvet Elvis“ von Rob Bell. Aus meiner Sicht war er einer der ersten prägenden Leiter einer progressiven bzw. post-evangelikalen Strömung aus der freikirchlichen Szene. Damals vernetzten sich (Um-)Denker und Leitende unter Begriffen wie „Emerging Church“ oder „Emerging Conversation“, um neue Wege zu finden, wie wir in einer nachchristlichen und postmodernen Welt Jesus nachfolgen können. Unter anderem waren Alan Hirsch, David Bosch und Michael Frost prägende Stimmen. Ich las ihre Bücher und Artikel mit großem Interesse. Ihr kulturell ausgerichtetes und missionales Mindset war mir sehr nah und hat mich inspiriert. Meine Kindheit bis zum Alter von 17 Jahren habe ich in Japan und Singapur verbracht. Dort, und auch später als junge Familie in Zürich, lebten wir das Evangelium ganzheitlich – in Tat und Wort. In einem sozialen Brennpunkt von Zürich machten wir Jungschararbeit mit vor allem muslimischen Migranten, unterstützten eritreische Asylbewerberfamilien ganz praktisch, führten Alpha-Treffen mit kirchenfernen Freunden durch und erlebten, wie Familien begannen, Jesus nachzufolgen.
Unser Anliegen war und ist: Gott möchte den Menschen nahe sein und ihnen in ihrer konkreten Lebensrealität begegnen. Darum startete ich beispielsweise 2009 in der Schweiz Videogeschichten mit Gottkennen, die wir seit 2021 auch in Österreich unter dem Namen „Gott is ma untakemma“ veröffentlichen. Sie wurden hier bereits mehr als drei Millionen Mal angesehen.
So positiv die „Emerging“-Bewegung vor 25 Jahren gestartet ist und echte Missstände angesprochen hat, so sehr hat die heute oft als progressiv oder post-evangelikal bezeichnete Entwicklung in den letzten Jahren grundlegende Pfeiler des orthodoxen christlichen Glaubens infrage gestellt oder teilweise verworfen – etwa im Blick auf das Kreuz, das Heil, das Schriftverständnis oder die Sexualethik. Daher möchte ich von Herzen für einen missional-inkarnatorischen Weg werben. „Inkarnatorisch“ (von lateinisch incarnatio) bedeutet „Menschwerdung“ und beschreibt, was Jesus getan hat: Er kam ganz in unsere Welt und wurde einer von uns (Philipper 2,6–7). Genauso sind auch wir gesandt (Johannes 17,18). Wir lassen uns auf die Kultur ein und leben als Gesandte mitten in ihr. Aber gleichzeitig sind wir nicht der Kultur, sondern unserem König Jesus und seinem Reich, seinem Auftrag und den biblischen Werten und Autorität untergeordnet. Hier geht aus meiner Sicht der post-evangelikale Weg zu weit und setzt oft kulturelles Verständnis über die Autorität der Schrift, die Jesus selbst so wichtig war. Unsere Kultur ist erlösungsbedürftig und braucht die Erlösung durch Jesus Christus. Wir sind ganz „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Johannes 17,14–18). In dieser Spannung leben wir – und wir dürfen sie nicht auflösen.
Ganz praktisch bedeutet das für uns: Da unsere Kinder FIS-Skirennen fahren und im Skigymnasium sind, stehen wir oft mit Trainern und Athleten auf der Piste. Wir kennen ihre Herausforderungen und Sehnsüchte, bleiben aber gleichzeitig im Reich von Jesus verwurzelt. In den letzten Monaten haben sich mehrere Skifahrerinnen und Skitrainer entschieden, Jesus nachzufolgen – auch, weil sie unser Leben sehen. Wir passen uns nicht einfach an, sondern leben auf der Skipiste aus einer anderen Wirklichkeit und machen so die Hoffnung seines Reiches sichtbar – genau dort, wo wir sind.
Matthias Langhans, Leiter von Campus für Christus Österreich